Für das Redaktionsnetzwerk Deutschland habe ich diesen Artikel als Bewerbung für ein Volontariat geschrieben.
Warum ist die Einkaufsmeile Refraths so eintönig, geprägt von Filialen großer Ketten wie Rewe oder DM? Wird sich das jemals ändern? Wir haben nachgehackt.
Von den Städten hört man, dass Läden ums Überleben kämpfen. Ein Laden folgt dem nächsten, niemand kann sich etablieren. Auf den ersten Blick scheint Refrath eine große Ausnahme. Der kleine, gut betuchte Ortsteil Bergisch Gladbachs unweit von Köln scheint sich kaum zu ändern. Das Einkaufsdreieck der Innenstadt wird von Rewe, Rossman, DM und zwei Apotheken geprägt. Dazu kommen drei Bäckereien, ein Geschenkeshop, ein Getränkehändler, ein Schuhgeschäft, ein Modegeschäft, Penny und diverse Ärzte. Selbst ein Blick auf die Satellitenbildern Google Earths helfen nicht weiter: Wald bleibt Wald, Häuser bleiben Häuser. Kaum verwunderlich dann, dass die Stadt Bergisch Gladbach keine Baulücken in Refrath kennt. Die Zahl der Baugenehmigungen ist in Bergisch Gladbach insgesamt auf etwa ein Drittel des Niveaus von 1984 gefallen.
Doch momentaner Stillstand bedeutet nicht, dass sich nichts verändert hat. Tatsächlich kämpft Refrath mit vielen von denselben Problemen wie die großen Innenstätte. Laut Lokalhistoriker Hans Peter Müller sei Refrath sogar „exemplarisch“ für das Sterben der kleinen „Tante-Emma-Läden“. In seiner Buchreihe „Refrath: Auf der Suche nach Verlorener Zeit“ beschreibt Müller, wie Refrath vom Ausflugsdörfchen im Bergischen mit offenen Wiesen zu suburbanem Viertel vor Köln entwickelte – vorKöln, nicht von Köln, betont der pensionierte Lehrer. Denn Köln hat mindestens zwei Mal versucht, Refrath und Bergisch Gladbach einzugemeinden. Jedes Mal erhoben lokale Politiker Einspruch.
Einen echten Ortskern gab es zuerst nicht. Hier und dort entlang den Hauptadern verteilten sich Läden, unabhängige Metzger, Bäckereien und Restaurants. Der Ortskern entstand erst in den 1980er. Mit dem Bauen des Einkaufsdreiecks 1985 neben der St. Johann Baptist Pfarrkirche zogen die unabhängigen Metzger, Bäckereien, Drogeriemärkte und Kneipen neben Filialen von Ketten. Doch die Ketten nahmen schnell überhand. Wo die Drogerie Klein einst stand, findet man heute eine Filiale der Provinzialversicherung. Das Lokal Zum Alten Postellion wurde sogar noch vor Bau des Dreiecks abgerissen. Zwischenzeitlich befand sich im Neubau eine Aldi Filiale, heute steht dort der DM. Etwas weiter vom Ortskern entfernt wurde das Ausflugslokal Jägerheim abgerissen. Heute steht dort ein Lidl.
Warum so viele Tante-Emma-Läden verschwunden sind, lässt sich einfach beantworten, sagt Manfred Büscher, zweite Vorsitzender des Bürger- und Heimatvereins Refrath. Die kleinen Läden konnten mit den Preisen der Ketten nicht mithalten – die Ketten haben andere Einkaufsmöglichkeiten. „Die Verbraucher stimmen mit den Füßen ab“, sagte Büscher. Heutzutage sind nur zwei Tante-Emma-Läden übriggeblieben, beides Bioläden. Das alteingesessene Schugeschäft, der Blumenladen und der Mode Röhr überleben im teuren Dreieck nur, weil sie gleichzeitig Grundstückseigentümer sind, so Büscher.
In der Stadtmitte Bergisch Gladbachs gibt es aber durchaus noch Tante-Emma-Läden, meist auf eine bestimme Küche spezialisiert, ob türkisch oder asiatisch. Ob es jemals solche in Refrath geben? „Why not?“ meint Büscher. Doch die Bevölkerungsbilanz spricht dagegen: Rund acht von zehn Einwohnern haben keine Einwanderungsgeschichte. In den letzten Jahren hat sich das so gut wie gar nicht verändert. In der Stadtmitte sind es immerhin etwa zehn Prozent weniger, teilweise sind die Mieten in einzelne Straßen geringer.
Neben den großen Ketten prägen vor allem Ärzte das Zentrum. Vom Augenarzt über den Neurologen bis zum Orthopäden findet man nahezu alles. Was man nicht findet, sind Angebote für Jugendliche: Keine Disco, nur eine einzige Kneipe neben der Straßenbahnhaltestelle. Wenig überraschend dann, dass man junge Leute fast vergeblich auf den Straßen sucht. Jugendliche zwischen 18 und 30 stellen laut offizieller Statistik nur elf Prozent Refraths Einwohnern. Rentner über 65 stellen mehr als das doppelte.
Doch es war nicht immer so. Als Müller und Büscher noch Jugendliche waren, sah Refrath nicht nur sehr anders aus, es bot mehr Treffpunkte: Tanzsäle, Kneipen, Ausflugslokale. Fast alle davon wurden im Lauf der Zeit entweder abgerissen oder umgebaut. Auch diese Entwicklung einen einfachen Grund, so Büscher: Es gibt kaum Ausbildungs- oder Studienmöglichkeiten in Refrath. Und die jungen Leute, die in Köln arbeiten oder studieren wollen auch dort wohnen, nicht „fünf Meter hinter der Stadtgrenze“. Wäre Refrath damals doch von Köln ins Stadtgebiet eingezogen hätten wohl mehr junge Leute hier ein Zuhause. Dafür zieht Refrath seit einigen Jahren junge, gut situierte Familien an. Was für Rentner attraktiv ist, ist auch für sie attraktiv, so Büscher: kurze Wege, viele Ärzte, Supermärkte und Schulen.
Als mehr Menschen in Wellen nach Refrath zogen, wurden auch Mehrfamilienhäuser gebaut. Das veränderte das Stadtbild enorm: Einwohner wie Müller versuchten so viele Gebäude wie möglich unter Denkmalschutz zu stellen, damit die Immobilienkonzerne weniger Futter hatten. Zum Teil gelang das, trotzdem gibt es mindestens so viele Neubauten wie Altbauten. Die Sicht auf die alte Kirche am Rand Refraths sei nun von einem „Klotz“ versperrt, beschwert er sich. Grundstückwerte schossen in die Höhe – in einer guten Lage könnten pro Quadratmeter bis zu 800€ verlangt werden.
Für viele Menschen bedeutet das, dass sie sich Refrath nicht mehr leisten können. Sie ziehen nach Herkenrath oder noch weiter ins Bergische Land – nicht, weil sie wollen, sondern weil sie müssen.

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